Professur ohne Habilitation – Alternative Wege zur akademischen Berufung

Die Professur ohne Habilitation ist kein Randphänomen mehr, sondern das Ergebnis eines langfristigen Strukturwandels im deutschsprachigen Wissenschaftssystem. Über Jahrzehnte hinweg galt die Habilitation als nahezu unumgängliche Voraussetzung für eine Berufung auf eine Professur. Sie fungierte als formaler Nachweis der Lehrbefähigung und der eigenständigen Forschungsleistung. Dieses Modell war stark auf Kontinuität, interne Nachwuchsentwicklung und eine lange Verweildauer im akademischen Mittelbau ausgelegt. Mit der zunehmenden Internationalisierung der Wissenschaft, der Vergleichbarkeit akademischer Karrieren über Ländergrenzen hinweg und dem steigenden Innovationsdruck begann dieses starre System jedoch aufzubrechen. Forschungskarrieren verlaufen heute weniger linear, sind projektbezogener, interdisziplinärer und stärker von Drittmittel- und Publikationserfolgen geprägt.

In diesem Kontext verlor die Habilitation schrittweise ihren Status als alleiniges Gütesiegel wissenschaftlicher Reife. Hochschulen und Berufungskommissionen begannen, alternative Leistungsnachweise anzuerkennen, sofern diese in ihrer Qualität, Tiefe und Nachhaltigkeit gleichwertig erscheinen. Dieser Wandel vollzog sich nicht abrupt, sondern in vielen kleinen Reformschritten, die zusammengenommen ein neues Verständnis akademischer Qualifikation etablierten. Die Professur ohne Habilitation ist somit weniger Ausnahme als Ausdruck eines veränderten Leistungsbegriffs, der sich stärker an realen Forschungs- und Lehrleistungen orientiert.

Berufung auf Basis habilitationsäquivalenter Leistungen

Eine Professur ohne Habilitation setzt in vielen Fällen sogenannte habilitationsäquivalente Leistungen voraus. Dieser Begriff ist bewusst offen gehalten und erlaubt eine flexible Bewertung individueller Karriereverläufe. Gemeint sind wissenschaftliche Leistungen, die in Umfang, Qualität und Eigenständigkeit mit einer klassischen Habilitation vergleichbar sind.

Dazu zählen insbesondere hochrangige Publikationen, idealerweise in international sichtbaren Fachzeitschriften oder renommierten Verlagen. Ebenso relevant ist die erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln, da sie Forschungsfähigkeit, Projektmanagement und Wettbewerbsstärke signalisiert. Lehrleistungen spielen ebenfalls eine Rolle, insbesondere wenn sie durch positive Evaluationen oder innovative didaktische Konzepte belegt sind. Die Bewertung dieser Kriterien liegt maßgeblich bei den Berufungskommissionen, die innerhalb eines rechtlichen Rahmens über erhebliche Ermessensspielräume verfügen.

In der Praxis bedeutet dies, dass nicht der fehlende Habilitationstitel entscheidend ist, sondern die Gesamtleistung im wissenschaftlichen Kontext. Wer über Jahre hinweg sichtbar, produktiv und eigenständig geforscht hat, kann auch ohne formale Habilitation als voll berufungsfähig gelten. Diese Praxis stärkt individuelle Karrierewege und berücksichtigt die Vielfalt moderner Wissenschaftsbiografien.

Fachhochschulprofessuren und ihre besonderen Zugangswege

An Fachhochschulen, heute häufig als Hochschulen für angewandte Wissenschaften bezeichnet, ist die Professur ohne Habilitation seit jeher der Regelfall. Das Berufungsprofil unterscheidet sich grundlegend von dem universitärer Professuren, da der Fokus stärker auf anwendungsorientierter Lehre und praxisnaher Forschung liegt. Statt einer Habilitation wird in der Regel eine mehrjährige außerhochschulische Berufserfahrung verlangt, die wissenschaftlich reflektiert und fachlich einschlägig sein muss.

Diese Praxisphasen gelten nicht als Gegensatz zur Wissenschaft, sondern als deren Erweiterung. Sie bringen aktuelle Marktkenntnisse, technologische Expertise und berufliche Netzwerke in die Hochschule ein. Forschung findet hier oft in Kooperation mit Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen statt und ist stärker lösungsorientiert. Dennoch werden auch an Fachhochschulen wissenschaftliche Publikationen und Drittmittel zunehmend wichtiger.

Die Professur ohne Habilitation ist in diesem Kontext kein Zugeständnis, sondern Ausdruck eines anderen Wissenschaftsverständnisses. Sie zeigt, dass akademische Qualität nicht ausschließlich über klassische universitäre Karrierepfade definiert werden muss, sondern auch aus der Verbindung von Theorie und Praxis entstehen kann.

Die Honorarprofessur als besondere Form akademischer Anbindung

Die Honorarprofessur stellt eine Sonderform der Professur dar, die sich grundlegend von regulären Universitäts- oder Fachhochschulprofessuren unterscheidet. Sie ist in der Regel nicht mit einem Beamten- oder Angestelltenverhältnis verbunden, sondern basiert auf einer nebenberuflichen, meist unentgeltlichen Lehrtätigkeit. Trotz des Namens handelt es sich nicht um einen bloßen Ehrentitel, sondern um eine formale akademische Stellung mit klaren Erwartungen.

Honorarprofessoren übernehmen regelmäßig Lehrveranstaltungen, wirken an Prüfungen mit und sind häufig in die akademische Selbstverwaltung eingebunden. Ihre Berufung setzt eine langfristige, kontinuierliche Lehrleistung voraus, die in Qualität und Umfang deutlich über einzelne Gastvorträge hinausgeht. Gleichzeitig wird eine besondere fachliche Expertise erwartet, die meist außerhalb der Hochschule erworben wurde. Die Honorarprofessur dient damit der gezielten Öffnung der Hochschule gegenüber Praxis, Wirtschaft, Kultur oder spezialisierten Berufsfeldern. Sie ist Ausdruck eines Wissenschaftsverständnisses, das externe Expertise nicht nur duldet, sondern strukturell integriert.

In der Diskussion um die Professur ohne Habilitation nimmt die Honorarprofessur eine besondere Stellung ein. Sie ist kein Ersatz für eine reguläre Professur und eröffnet in der Regel keinen direkten Übergang in ein hauptberufliches Professurenverhältnis. Dennoch zeigt sie exemplarisch, dass akademische Anerkennung auch jenseits klassischer Qualifikationspfade möglich ist. Die Honorarprofessur würdigt Leistungen, die häufig außerhalb des universitären Systems erbracht wurden, und integriert diese systematisch in Forschung und Lehre.

Gerade in anwendungsnahen, interdisziplinären oder stark praxisorientierten Fächern ist sie ein wichtiges Instrument, um Wissenstransfer zu ermöglichen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass der Titel „Professor“ rechtlich und funktional differenziert betrachtet werden muss. Die Professur ohne Habilitation ist kein einheitliches Modell, sondern ein Spektrum unterschiedlicher Berufungsformen, zu denen die Honorarprofessur als klar abgegrenzte Kategorie gehört.

Die Gastprofessur aus dem Ausland

Die Gastprofessur im Ausland nimmt im Kontext der Professur ohne Habilitation eine zunehmend relevante Rolle ein, auch wenn sie im deutschen Diskurs oft unterschätzt wird. Anders als kurzfristige Lehraufenthalte oder Visiting-Lecturer-Formate ist die Gastprofessur in vielen Ländern rechtlich und institutionell klar definiert. Sie wird in der Regel durch eine formale Berufung oder Ernennung ausgesprochen und ist mit konkreten Lehr-, Prüfungs- und teilweise auch Forschungsaufgaben verbunden. In Staaten wie Rumänien ist die Gastprofessur häufig eng an nationale Hochschulgesetze gekoppelt und setzt nachprüfbare wissenschaftliche Qualifikationen voraus, etwa eine Promotion, internationale Publikationen und ausgewiesene Fachkompetenz, aber nicht unbedingt eine Habilitation.