Professuren an Privathochschulen – Praxisorientierte Lehre mit akademischem Anspruch

Privathochschulen werben gern mit Nähe zur Praxis, und oft ist da etwas dran: Studienformate sind häufig stärker auf Berufsbilder zugeschnitten, Curricula werden schneller angepasst, Lehrende kommen nicht selten aus Führungsrollen, Beratung, Kliniken, Kanzleien, Tech oder Mittelstand. Das kann Lehre erden, im besten Sinne. Studierende erleben dann nicht nur Theorie, sondern auch die Übersetzung in Entscheidungen, Projekte, Standards, Fehlerkultur. Gleichzeitig beginnt genau hier die Spannung: Hochschule ist nicht nur Trainingscenter, sondern auch Ort der wissenschaftlichen Selbstkorrektur, des langsamen Denkens, des Widerspruchs.

Wenn Praxisnähe zur alleinigen Leitwährung wird, droht Verengung: kurzfristige Marktlogik statt langfristiger Erkenntnis, „Was hilft morgen?“ statt „Was stimmt wirklich?“. Gute private Hochschulen halten diese Reibung aus und machen sie produktiv, indem sie Praxis als Labor verstehen – nicht als Abkürzung. Praxisorientierte Professuren an Privathochschulen sind dann nicht weniger akademisch, sondern anders akzentuiert: mehr Didaktik-Design, mehr Transfer, mehr unmittelbare Verantwortung für Lernerfolg; und gleichzeitig der Anspruch, dass die Inhalte nicht nur gefällig, sondern belastbar sind.

Berufungsverfahren und Anforderungen

Wer eine Professur an einer Privathochschule übernimmt, begegnet oft einem Berufungsprozess, der im Ablauf pragmatischer wirkt als an staatlichen Hochschulen – weniger Gremienrituale, mehr Fokus auf Lehrkonzept, Passung zum Profil, Auftreten in der Lehre. In der Praxis heißt das häufig: Konzeptionspapier, Lehrprobe, Gespräch über Studiengangsentwicklung; mitunter sind Kandidat:innen bereits als Lehrbeauftragte oder Dozent:innen bekannt, was Prozesse beschleunigen kann. Diese Beschleunigung hat zwei Gesichter: Sie kann Qualität fördern, weil Entscheidungen schneller fallen und Profile klarer werden; sie kann aber auch Misstrauen wecken, wenn Außenstehende „Bestenauslese“ und Transparenz vermissen oder wenn der Eindruck entsteht, die Hochschule berufe vor allem aus dem eigenen Umfeld. Gerade deshalb lohnt der Blick auf Standards, die im deutschen Wissenschaftssystem als Referenz gelten: Der Wissenschaftsrat betont seit langem, dass Berufungsverfahren Qualitätssicherung, Transparenz und klare Kriterien brauchen – unabhängig vom Träger. 

Wer die Professur an einer Privathochschule antritt, sollte die eigene Qualifikation nicht als „weicher“ verkaufen, sondern sauber erklären können: wissenschaftliche Leistungen, didaktische Kompetenz, Praxisbezug, Drittmittel- oder Projektfähigkeit – und wo das eigene Profil Grenzen hat. Nebenbei: Auch im weiteren System gilt, dass habilitationsäquivalente Leistungen unterschiedlich nach Fachkultur bewertet werden; wichtig ist weniger das Etikett als die Substanz und Begutachtbarkeit. 

Forschung, Transfer und Sichtbarkeit

Die Frage, ob private Hochschulen „wirklich“ Forschung machen, ist zu grob gestellt – es gibt die ganze Bandbreite. Manche Privathochschulen setzen stark auf Lehre (teilweise aus Geschäftsmodell-Logik, teilweise aus Profil-Überzeugung), andere bauen Forschungszentren, kooperieren mit Kliniken, Unternehmen oder Kommunen, und wieder andere sind im Aufbau und ringen um kritische Masse. Für Professoren heißt das: Forschung ist möglich, aber sie ist seltener automatisch infrastrukturell abgesichert. Wer an eine Privathochschule geht, sollte die Rahmenbedingungen nicht romantisieren: Gibt es Forschungszeit? Gibt es interne Förderung? Gibt es Zugang zu Bibliotheken, Laboren, Daten, Ethikkommissionen, Forschungsservices? Oder entsteht Forschung vor allem „nebenher“, getragen von persönlicher Energie? 

Die positive Seite ist der Transfer: In vielen privaten Settings ist der Weg von der Idee zur Anwendung kürzer, Kooperationen sind weniger verknotet, und Studierende werden schneller in echte Projekte eingebunden. Die Kehrseite: Sichtbarkeit in disziplinären Communities entsteht nicht durch Transfer allein, sondern durch Publikationen, Konferenzen, Peer Review – also durch das langsame Spiel der Wissenschaft. Wer beides ernst nimmt, kann profitieren: Transfer als Motor für relevante Fragestellungen, Wissenschaft als Bremse gegen vorschnelle Gewissheiten. Und ja, es gibt Fächer, in denen private Hochschulen besonders wachsen (z. B. Management, Gesundheit, Psychologie, Digitales); gerade dort ist der Druck hoch, methodische Strenge nicht dem Marktversprechen zu opfern.

Arbeitsbedingungen, Deputat und Karrierepfade

Die Arbeitsrealität von Professuren an Privathochschulen ist oft weniger durch Beamtenlogik geprägt, sondern durch arbeitsvertragliche Modelle, Zielvereinbarungen, stärkeres Controlling und – je nach Haus – eine andere Erwartung an Erreichbarkeit und Serviceorientierung. Das kann als angenehm klar empfunden werden: Zuständigkeiten, Prozesse, schnelle Entscheidungen. Es kann aber auch als Verdichtung erlebt werden, wenn Lehre, Betreuung, Prüfungen, Curriculumentwicklung und Akkreditierungsarbeit viel Raum nehmen und Forschung faktisch nur in Randzeiten stattfindet. Hinzu kommt die Frage der Karrierearchitektur: Manche Privathochschulen bieten stabile, langfristige Perspektiven; andere sind dynamisch, wachsen schnell oder restrukturieren.

Wer aus dem staatlichen System kommt, vermisst manchmal die symbolische Sicherheit klassischer Professuren; wer aus der Praxis kommt, schätzt die Planbarkeit, wenn sie tatsächlich gegeben ist. Ein unterschätzter Punkt ist die Rolle als „Studiengangs-Architekt“: An privaten Hochschulen hängt die Qualität des Angebots oft stark an einzelnen Professoren, weil Teams kleiner sind. Das ist Chance und Last zugleich. Und noch eine Nuance: In Deutschland ist das Hochschulsystem föderal geregelt; arbeits- und statusrechtliche Details hängen am Land, an der Hochschulform, an internen Satzungen und an der konkreten staatlichen Anerkennung der Einrichtung. Genau diese Gemengelage macht den Markt unübersichtlich – und verlangt bei Vertrags- und Rollenklärung mehr Sorgfalt als ein schneller Ruf vermuten lässt.

Professorentitel, Reputation und akademische Freiheit

„Professor an einer Privathochschule“ trägt sich im Lebenslauf unterschiedlich – je nach Hochschule, Fach, persönlicher Reputation, Publikationslage, Netzwerk. In manchen Branchen zählt der Transfer mehr als der Träger; in manchen Disziplinen ist der institutionelle Kontext weiterhin ein starkes Signal. Wichtig ist, sauber zwischen Titel, Amt und Aufgaben zu unterscheiden: In Deutschland ist „Professor“ eine Bezeichnung, deren Führung rechtlich gerahmt ist; Landesrecht kann sogar Fragen regeln, ob und wie der Titel nach dem Ausscheiden weitergeführt werden darf – und diese Regeln betreffen auch staatlich anerkannte private Hochschulen. 

Das klingt trocken, ist aber im Alltag relevant, weil es um Reputation, Außenwirkung und klare Zuständigkeiten geht. Noch sensibler ist die akademische Freiheit: Private Trägerschaft heißt nicht automatisch weniger Freiheit, aber sie erzeugt andere Interessenkonflikte. Wo Einnahmen stark an Studierendenzahlen hängen, kann subtiler Druck entstehen: zufriedene Kundschaft statt anspruchsvolle Prüfungsleistung, Marketingbotschaft statt unbequeme Forschung. Gleichzeitig kann private Trägerschaft Räume öffnen, die öffentlich schwerer zu bekommen sind: neue Studiengänge, interdisziplinäre Formate, schnellere Entscheidungen, Kooperationen ohne jahrelange Verwaltungswege. Der Schlüssel ist nicht die Eigentumsform, sondern die Governance: klare wissenschaftliche Standards, transparente Berufungen, robuste Prüfungs- und Ethikstrukturen, ein Selbstverständnis, das Kritik nicht als Störung, sondern als Qualitätssignal behandelt.